Omas Weg zu den Sternen


Oma kennt jetzt den Weg zu den Sternen

Der Frühling in der Luft, das Lachen von Lulu und das flirtende Spiel der Finken stimmten Oma Lene traurig. Hunde tollten im Büdericher Hallenbadpark umher, und es hatte den Anschein, sie würden kleine Schmetterlinge jagen, die sich mit ihnen einen Spaß machten. Neben ihr lagen die Reste der Geburtstagstorte von gestern, damit Lulu ein bischen naschen konnte – und sie natürlich auch. Der Einstecker mit der „90“ war mit Sahne verschmiert und lag trostlos auf der Platte. Sie hatte in ihrem Leben alles gehabt: Einen wunderbaren und gerechten Ehemann, der sie auch noch liebte, nachdem sie verblüht war. Vier liebevolle Kinder, die sie fast alle mit Enkeln versorgt hatten. Lulu war eine Überraschung für alle gewesen – sehr spät, aber umso schöner. „Hach“, stöhnte sie gedankenversunken aus. Die meisten ihrer Freunde waren schon gegangen. Dass sie bald auch fort musste, war der Wille der Natur – nicht unbedingt ihrer. Wie gerne hätte sie diese Welt und das Universum noch etwas länger beobachtet. Die feuerroten Sonnenuntergänge, die funkelnden Sterne. Die Kälte des weißen Winters, der zwangsläufig den Neuanfang wieder im Gepäck hatte. Sommer und Herbst auch.

Oma und die Schmetterlinge

„Hach“, stöhnte sie aus. Wie gerne hätte sie gesehen, wenn das erste richtige Raumschiff von der Erde abhob, um einen fremden Planeten zu besiedeln, wenn das Universum den Menschen offen stand und die Folgen eine Friedenswelt kreierten. „Hach“, schaute sie Lulu zu, die einen Schmetterling in der Hand hielt. Ihre Kleine war so süß. Sie unterhielt sich mit ihm. Was für eine Träumerin. Schade, diese Sterblichkeit. Und der Duft dieses Frühlings war dieses Jahr besonders süß … fast wie Zuckerwatte. „Hrrrr. Jap. Bin oben“, kicherte eine Stimme jetzt links neben ihr. Lene drehte sich um und schaute am Schmetterling vorbei. Da war aber niemand? Tsssss, ihre Ohren. Ja, das gehörte auch dazu. Als sie sich umblickte, um Lulu zu suchen, kam diese mit einem Schmetterling auf der Schulter auf sie zu und grinste stolz … fast ehrfurchtsvoll. „Wer sagt’s ihr denn?“, freute sich jetzt eine Stimme rechts neben ihr. Lene blickte zur Seite – da war aber nur ein Schmetterling mit einer Zuckerwatte, an der er vergnügt rumknabberte. Ein Schmetterling mit einer Zuckerwatte? Und einem Gesichtchen, Armen und Beinen? „Wir haben nur noch eine Minute, dann ist die Chance vorbei und Tech Carlo hat Schicht-Ende. Jetzt ist sein Boss gerade nicht da. Das macht der immer so.“

Das ist ihr Geburtstagsgeschenk

Lene schaute erschrocken um sich, dann zu Lulu. „Was geht hier vor?“, hauchte die alte Lady. Lulu sagte kein Wort, … dafür aber Schmetterlingsmädchen Martha. „Also, pass auf! Willst du dein Leben etwas verlängern?“ Lene wusste nicht, was sie sagen sollte. „Nu, … ja oder nein?“ Oma bekam nicht wirklich mit, wie ihr Kopf sich von oben nach unten und wieder hoch bewegte. „Gut. Dann knuddel jetzt mal fix deine Kleine … und die Reise geht los!“ „Wohin?“, hauchte Lene. „Nicht die Unsterblichkeit, … aber was Ähnliches.“ „Wie … wie … wie?“ „Es gibt Dinge, die erklären wir vor Ort. Nur musst du jetzt los“, orakelte Schmetterling Darfo neben der Frau hockend, mit den Beinchen baumelnd. Vor ihr ein strahlendes Gesicht: „Vertrau mir, es wird alles gut … und wir werden uns wiedersehen“, quietschte Lulu jetzt, machte einen Schritt nach vorne und umarmte ihre Lieblings-Oma … so dolle sie nur konnte. Das war ihr Geburtstagsgeschenk. Kleine Kullertränchen rannten der Kleinen die Wangen runter.

Zu den Sternen, Oma

„Wir wissen von dem Krebs“, flüsterte Lulu Oma in die Ohren, in ihren Augen ein zauberhafter Glitzerschweif.  „Wir wissen, dass es hier keine Heilung mehr für dich gibt.“ Oma Lene musste schlucken. Das hatte sie niemandem erzählt. Sie hatte lediglich abends am Fenster gehockt und mit ihrem verstorbenen Mann im Himmel gepsprochen. So, wie sie es immer tat, wenn der Schmetterling sich zu ihr gesellte. Nur ihr Mann im Himmel, der stumme Schmetterling auf dem Fenstersims und sie. Und der Mond. Sonst niemand. Da hob Martha das Fingerchen, grinste und zeigte auf sich. Ich, ich war’s, lächelte sie sie an. „Willst du nun?“ Sie schaute sich um: die Schmetterlinge, ihre Enkelin. Das konnte nur ein Traum sein. Das war ein Traum! Hier durfte sie sagen, was sie wollte. Es war die Magie der Nacht, … ein Zauber des Lebens! Ein Kribbeln lief ihre Beine hoch, über ihren Bauch, ihre Brüste, in ihre Arme. Eine wilde Energie durchflutete sie. Schrei! Brülle! Raus aus dir!, jubelte eine innere Stimme, als wäre sie wieder zwanzig. Dann bewegten sich ihre Lippen. Nun komm! Sag es! „Jaaa“, hauchte die alte Frau aus. Darfo nickte und gab Johnny ein Zeichen, der sofort verschwand. Lulu drückte ihr schnell einen Kuss auf die Stirn. Lene schob sie ein Stück nach vorne und schaute ihr direkt in die Augen, die Frage lag ihr auf dem Mund: „Wohin?“ Lulu packte ein letztes Mal ihre Hand, ein Tränentropfen fiel salzig auf die Haut. Dann erfüllte ein Knacken und Knistern die Luft. Aus dem Himmel tauchte ein blauleuchtender Strahl auf und funkelte wildglitzernd um sie rum. „Zu den Sternen, Oma, zu den Sternen …

 

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5 comments on “Omas Weg zu den Sternen

  1. Sehr schön! 🙂