Wetter: Abendrot


… Die Wolkendecke erstreckte sich bis zum Horizont, die Sonne tauchte den Himmel in ein wunderbares Blau. Nur das verrückte Gekicher eines Schmetterlingsmädchens mit ihrem Anti-Beutel, der knurrende Magen ihres Freundes und ein nörgelnder Schmetterlingsmacho zerstörten die friedliche Atmosphäre. Sie hüpften und sprangen über die unterschiedlichsten Wolkenknubbel, rannten auf dem tuffigen Weiß entlang – und folgten Schmetterlingskriegerin Sonja. Ihr Ziel: Die beiden Wetterfeen und die Hexe, die irgendwo vor ihnen sein mussten – das Ozon in der Luft verriet, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Aber es dauerte allen einfach zu lang. „Wo sind wir hier, wie lange dauert das noch, wann sind wir endlich daaaaaaaa?“, wollte Schmetterling Darfo wie der Beifahrer auf einer Rückbank in einem Extra-Sitz gefesselt wissen. Er hatte schrecklichen Zuckerwattehunger, und seine Freundin bereitete ihm ernsthafte Sorgen. Seitdem ihr die Bewohner des himmlischen Künstlerviertels das Stückchen Regenbogen als Gegenmittel zu dem fiesen Gewitterbeutel der Wetterfeen gegeben hatten, war eine Veränderung mit ihr geschehen. Sie zischte immer und immer wieder so etwas wie „mein Schatzzzzzz“, was aber auch gut und gerne als „Ich hätt gerne einen Schmatz“ gedeutet werden konnte. Letzteres war zum Leidwesen von Freund Darfo allerdings nicht der Fall. Näherte er sich ihr, um ihr ein Beruhigungsküsschen zu geben, fauchte sie ihn wie eine Wildkatze an. Aus seinem Sonnenblümchen war ein wildes Tier geworden. „Es kann nicht mehr wirklich weit sein“, spekulierte Sonja. Doch etwas Sorge schwang in ihrer Stimme mit. Sie wusste, wo sie gerade waren. Und das war nicht unbeduingt eine sichere Gegend: Sie eilten gerade über die Wolkenhochebene der Sirenen. Hier war es heikel für jedes Märchenwesen. Auch wenn es noch so wunderbar hier aussah, überall konnte eine Sirene aus dem Boden kommen, einen fesseln, und ihn dann so zusingen, dass er einen Primärschaden fürs Leben davontrug. Seit wann es diese Sirenen gab, konnte eigentlich kein Märchenwesen sagen. Man munkelte, sie seien erschienen, als es die ersten Verliererinnen des ADHS-Wettbewerbs gegeben hatte. Denn genau nach dem die erste Teilnehmerin aus diesem ersten Song-Contest ausgeschieden war, waren hier die ersten Verdachtsfälle von Verstörung aufgetreten. Sie lauerten und lungerten hier überall. Aber die Schmetterlinge mussten hier durch – und es war noch ein weiter Weg bis zum Rande der Ebene, bis zu den nächsten Wolkensiedlungen. Und als hätten es die Schmetterlinge nicht geahnt, übertönte ein schrilles Gekicher den Krach, den die Detektiv-Gruppe verursachte. Und „ZackZack“, schon war es geschehen: Ein weißes Wolkenlasso klebte am Fuß von Johnny, dann eins an Sonja. Erschrocken blickten sie auf. Sie versuchten sich loszureißen – hatten aber keine Chance. Dann erwischte es Darfo, dann noch Martha. Kaum waren ihre Opfer in der Falle, lösten sich aus dem Wolkenboden sieben Sirenen. „Lalalalllallallalla“, trällerten sie auch schon los. Darfo verging der Hunger, Martha vergaß ihren „Schatzzzzzz“, Johnny tat nichts mehr weh – und Sonja schaute die wilden Weiber grimmig an. „Lalalallallalla!!“ Das Zucken setzte erst bei Johnny ein, dann bei Darfo. Martha überkam ein Schauer, der ihr den Rücken herunter und wieder hoch lief. Die sangen ja so was von schlecht, das war einfach unvorstellbar. „Lalallallallaaaaa!!!“ Die Sirenen tanzten und hüpften um die Schmetterlinge rum. Sie waren „absolut grausam“ geschminkt, ihre weißen Kleider waren der letzte Ramsch. Das erkannte sogar Darfo. Aber sie konnten nicht weg. So sehr die Schmetterlinge auch an ihren Lassos zerrten, so sehr sie versuchten, sich die Fesseln abzustreifen, so sehr schien es, dass sie nur noch fester wurden. „Wir sind die Schönsten, die Wunderbarsten, die Tollsten“, konnten die Schmetterlinge aus dem Gesang heraushören. Johnny überkam ein Würgereiz, er merkte, wie sich etwas in seinem Hirn verbog. Es fing an. Und es ergriff jeden einzelnen Schmetterling. Martha, Darfo, Sonja und Johnny verloren die Kontrolle über ihre Körper. Erst wurden die Arme schlaff, dann der Oberkörper. Als die Ohmacht die Beine erreichte, brachen sie zusammen. „Platsch“ – und Schmetterlingsmädchen Martha ließ den Anti-Beutel fallen. Und dann geschah es: Der Beutel fiel so, dass eine rote Stelle des Regenbogens an den Rand seines Behältnisses kam und die Wolkendecke berührte. Als könnte es nicht anders, ergriff die Farbe den Wolkenboden. Das Rot breitete sich aus und aus und aus und aus. Wie bei einem umgefallen Topf Farbe ergoss sich das Rot über den Himmel. Die Sonne wollte gerade untergehen – und tunkte die Erde in einen purpurnen, einen wein-, karmin-, kirschfarbenen Traum. Martha, Darfo, Johnny und Sonja spürten, wie es auch sie ergriff. Der Anblick verstärkte nur das, was Menschen und Märchenwesen gleich nannten – Liebe. Darfos Augen funkelten Martha an, sie konnte seinen Atem spüren, ihn fühlen, ihn aufsaugen. Sein Hauch erfasse sie – und strömte direkt in ihr Herzchen. Auch Sonja und Johnny überrannte dieses Gefühl. Die Wärme war so angenehm, beide fingen an zu träumen. Dann verstummte der Gesang, Ruhe kehrte ein. Das Rot krabbelte die Beine der Sirenen nach oben. Sie verloren die Kontrolle über ihre Fesseln. Die Schlingen an den Füßchen der Schmetterlinge lösten sich. Das Regenbogenrot erklomm mit Genuss den Körper der Sirenen. Während sich ihre Münder noch bewegten, als würden sie singen, kam kein Ton mehr raus, bis das Rot auch ihre Kehlen erreichte. Dann geschah das Wunder: Mit einem Mal erfüllten wohlklingende Gesänge den Nachthimmel, die Erde hatte so etwas noch nie gehört. Ihre Lieder wanderten wie Seifenblasen um her, senkten sich durch die Wolkendecke auf die Erde hinab – und wanderten in die Träume der Menschen hinein. Herzenswärme, Frieden. Und auch in der Himmelsstadt veränderten sich die Dinge. Am Rande der Ebene strömten die ersten Wolkenbewohner herbei. Erst nur wenige, dann immer mehr und mehr und mehr. Die Sirenen erkannten selber, dass sich etwas in ihnen verändert hatte und sangen aus vollstem Herzen weiter. Kaum war ihr Publikum nahe an ihnen dran, die ersten begannen sogar, mit zum Rhythmus zu klatschen und zu jubeln, da packte Martha schnell ihren Anti-Beutel, Sonja schnappte sich einen nun sabbernden und schnurrenden Johnny – und die vier Freunde schlichen sich heimlich davon …

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