Wetter: Jetstream


… Knirsch, Knirsch, Knirsch, hockten die Schmetterlinge auf einer Wolke und knabberten lecker Zuckerwatte. Die Pause hatten sie sich verdient. Sie waren jetzt schon mehrere Minuten hinter den Schuldigen des langen Winters her gewesen – das hielt ja kein Schmetterling mehr aus. Die Laune stieg ins Unermessliche. „So lässt es sich leben“, knuddelte Darfo seine Martha. Sie hatten um den Anti-Beutel eine schützende Wolkenhülle gepackt, so dass Martha nicht mehr von den Regenbogenfarben vereinnahmt werden konnte. Hofften sie. Denn wenn niemand schaute, wanderte der Blick des kleinen Schmetterlingsmädchens immer wieder runter zu dem Wunder. Es war die Waffe, mit der zukünftig lange Winter verhindert werden sollten. Vorausgesetzt, sie erwischten die Wetterfeen und die Hexe. Diese hatten den dunklen Beutel, aus dem Blitze schossen. Martha, Darfo, Sonja und Johnny waren gerade erst den sieben Sirenen entkommen. Eigentlich, so hatten sie gehofft, würde ihr Weg von der Ebene in die nächste Wolkensiedlung führen. Aber der Ozongeruch, ihre Spur, lenkte sie in ein dickes Wolkenmassiv. Die weißen Berge ragten bis zu den Sternen in den Himmel. Beeindruckt von dem Gebirge, hatte auch Sonja dem Drängen nachgegeben – und diese Zuckerwattepause erlaubt. Das hatte sich Darfo nicht zweimal sagen lassen. Blitzschnell war er nach unten auf die Erde geflogen, hatte in ihrem Vorratslager einen gigantischen Vorrat in seine Rücksäcke gepackt und war schnell wieder nach oben gedüst. „So, wenn wir dann alle fertig sind, essen wir noch ein Eis – und dann geht es los“, stand jetzt Johnny schon im Cowboy-Hut auf. Den hatte ihm Darfo nämlich auch noch mitgebracht. Nach der Geschichte mit dem irischen Wolfshund war dies nur angemessen. Es wirkte einfach männlicher, und andere Himmelsproleten sollten so schon im Vorfeld wesentlich mehr Respekt vor ihm haben. Als auch die anderen Schmetterlinge ihre Zuckerwatte verschlungen hatten – Knirsch, Knirsch, Knirsch – machten sich die vier Freunde daran, die Berge zu erklimmen. Immer höher und höher flogen sie, mussten dann wieder ein mehrere hundert Meter runter, dann wieder hoch, biiiiiiis … die Ozonspur sie in eine weite Schlucht führte. Als die kleinen Racker ihren Flug abbremsten, merkten sie, wie die Himmelsbewohner, die hier meist ein paar Schäfchenwolken auf den Weiden hatten, einen Bogen um dieses Tal machten. „Wollt ihr da wirklich hin“, jodelte ihnen ein Hirte zu. Er hatte gut zweihundert Schäfchenwolken, die gemütlich auf einem Abhang dösten. Johnny rief ihm zu, dass echte Männer keine Gefahr scheuten, doch der Hirte wartete erst gar nicht auf die Antwort, drehte sich um und wanderte davon. Aber die Ozonspur führte nach unten. Nicht wirklich beeindruckt von den Worten, machte sich die Schmetterlinge daran, nach unten zu fliegen. Es dauerte nicht lange, da spürten sie, dass hier etwas nicht stimmte. Je weiter sie nach unten kamen, desto mehr nahm das unheimliche Gefühl zu. Auch die Wolkenbergfarbe veränderte sich – das Weiß wurde grauer. Und dann hörten sie es. „Hilfe, Hilfe, Hilfe“, riefen gleich mehrere Stimmen. Martha, Darfo, Sonja und Johnny schauten sich um, sahen aber nichts. „Hilfe! Hier! Hier hinten!“, riefen jetzt wieder die Stimmen. Martha sah sie zuerst. Direkt in dem Wolkenberg war ein Wolkengitter eingelassen – hinter dem einige Wolkenbewohner gefangen waren. Schockschwerenot!!! Ein Spezial-Einsatz für Super-Schmetterlinge! Tatütata! Uuuund zisch, klebten Martha, Darfo, Sonja und Johnny an dem Gefängnis, versuchten bereits, die Gitterstäbe zu lösen. So sah es von weitem zumindest aus. In Wirklichkeit standen sie erst einmal davor. „Was macht ihr denn darin?“, kratzte sich Darfo den Kopf. Er kannte es ja von Johnny, dass er sich manchmal von Schmetterlingsmädchen fesseln ließ. Meist waren die allerdings in der Nähe und hatten Lassos und Peitschen dabei. Aber hier oben waren keine weiblichen Himmelsbewohnerinnen mit diesem Spielzeug. Und außerdem: Wer sperrte sich freiwillig selber so weit, fernab von allem, weg? Respektvoll schaute Darfo sie an. Er sagte sich schon lange nicht mehr, „das gibt es doch nicht“ – gerade jetzt wurde er wieder bestätigt. Lebewesen, ob Mensch oder Märchenfigur, schafften es immer wieder, sich Sachen auszudenken. Ach, ich schlach mit tot … Während Darfo die Gefangenen fasziniert anschaute, bekamen diese Zweifel. Was für Verrückte waren denn hier bei ihnen eingetrudelt?? Johnny musterte wie ein Fachmann die Stäbe, Martha umklammerte den Anti-Beutel. Nur die reifere Schmetterlingsfrau schien ernsthaft daran interessiert, sie aus ihrem Verließ zu befreien. Und diese stellte dann auch endlich die richtige Frage. „Wer hat euch hier eingesperrt und wie lange seit ihr denn schon hier?“ „Puuuh“, atmeten die Himmelsbewohner aus. „Der Riese, der hier wohnt! Er schnappt sich alle halbe Stunde Himmelsbewohner, sperrt sie ein – und dann müssen wir für ihn tanzen!“ „Und was passiert dann?“ Die Gefangenen zitterten sofort, bei dieser Frage. „Er verleiht ihnen Noten!“ Uiiiiii, zuckten Darfo und Johnny sofort zusammen. „Noten?!“ Baaah, Pfuideibel. Menschengedingse! Igittigitt! Das brachte den Fachmann Johnny wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. „Drei Millimeter, massiver Wolkenstahl. Schlussfolgerung: Diamantzuckerstange!“ Sofort wühlte er in seiner Hosentasche rum – dann fand er, was er suchte. Er zog die Mini-Säge für alle Fälle heraus, und sägte die Stäbe durch. Doch … noch während Johnny sich anschickte, die Himmelsbewohner zu befreien, da bebte mit einem Mal der Boden. Wumm, Wumm, Wumm. Der Riese! „Schnell, schnell, schnell“, trieben die Gefangenen Johnny an. Ritschratsch, Ritschratsch, macht er so schnell er konnte. Was er nicht sah, waren die beiden großen Augen, die die vier Schmetterlinge von oben bereits beobachteten. Jetstream, so sein Name, stand hinter dem Gefängnishügel und hatte sich zu ihnen vorgebeugt – soooo groß war er. Martha, Darfo, Johnny und Sonja hielten inne, auch die Gefangenen sagten keinen Mucks mehr. Stille. Dann blickten alle rauf. „Was machen denn die kleinen Wesen dort an meinen Gitterstäben?“ Drei der Schmetterlinge fingen sofort an zu schwitzen – nur eine blieb cool. Sonja schaltete sofort. „Monatliche Routineuntersuchung von Festigkeit bei Wolkenkonstruktionen, um die Sicherheit nach Vorschrift 777A, Absatz 3, zu gewährleisten. Wann haben sie ihre letzte Plakette bekommen?“ Der Riese schaute sie verdutzt an. Plakette? „Plakette?“ „Na, die Bestätigung, dass sie auch diese Sonderkonstruktion, dieses Gefängnis, betreiben dürfen. Wenn sie die nicht haben, nicht mehr haben, machen wir hier alles dicht!“ Sonja kramte in Darfos Rucksack rum, holte eine Urkunde heraus – das war schlichtweg ein Blatt Papier, auf dem Darfo zuletzt ein Bildchen gemalt und wirr Buchstaben hingekritzelt hatte. Da aber die meisten Himmelsbewohner genauso wenig wie die Schmetterlinge lesen konnten, hatte das was -. Der Riese beugte sich noch weiter nach unten und linste auf das Blatt. „Und das ist die Plakette?“ „Nein, das ist die Genehmigung, die wir ausstellen – falls sie bestehen. Die Plakette gibt es nur theoretisch!“ Auwei, schreckte der Riese auf. Die theoretische Plakette hatte er nicht. Und wenn sie ihm nun seinen privaten Tanzpalast schließen würden? „Äääähhm“, wanderte er nun einmal um den Hügel rum und ging zu den Schmetterlingen auf die Knie. Nervös spielte er mit seinen Fingern in einer Wolke rum. „Also, was wir hier direkt zu bemängeln haben … ist die Fluchtmöglichkeit. Bei allen privaten und öffentlichen Gefängnissen müssen Insassen einen offenen Weg haben, über den sie schnell flüchten können. Zudem …“ „Moment“, hob der Riese seinen Finger. „Und wenn ich beim Bau nicht daran, ääähm, gedacht habe?“ „Feierabend!!“, verschränkte Sonja die Arme vor der Brust und drehte ihr Köpfchen mit verschlossenen Augen nach links oben weg. Das saß. Der Riese hatte die Hose voll. Sprichwörtlich, versteht sich. Sie wollte sogar noch fortfahren. „Ich muss dicht machen??“, zitterte die Stimme des R
iesen. „Jap, no way!“ „Wie, wie, wie kann ich das denn verhindern?“ Sonja linste schnell zu Darfo, Sonja, Johnny und den Himmelsbewohnern. Die hielten sich vor Gekicher die Hände vor die Münder. „Um die Strafe zu mildern?“ Der Riese riss die Augen auf. Straaaaafe??? „Was, was, was …“ Sonja schnitt ihm mit einer Handbewegung die Worte ab. „Na, dass das hier so nicht mehr weitergehen kann, ist ihnen ja klar. Das bleibt zu. Über die Höhe der Strafe hat das oberste Wolkenreichverwaltungsgericht zu entscheiden. Es sei denn …“ „Es sei denn?“, blickte der Riese Sonja hilfesuchend an. „Es sei denn … unser Bericht fällt nicht so hart aus.“ Der Riese schaute Darfo, Martha und Johnny an. Die nickten heftig. Jaja, wir haben da Gestaltungsspielraum! „Was schwebt ihnen denn da vor?“, säuselte Jetstream respektvoll. „Hmm“, blickte Sonja den Riesen musternd an. „Was könnt ihr denn gut und macht euch auch Spaß?“ „Neben Himmelsbewohner fangen und sie tanzen lassen?“ „Neben Himmelsbewohner fangen und tanzen sie lassen!“, nickte jetzt Sonja. Jetstream schaute freudig auf und zeigte auf seine Brust. „Lungen, ich habe super Lungen. Ein weiteres Hobby von mir ist es, Wolken über die Erde zu pusten!“ „Moment, machst du das nicht auch hauptberuflich?“, wandte jetzt ein Himmelsbewohner ein. Mist, sie hatten ihn erkannt. Er gehörte mit seinen beiden Brüdern Jetstream und Jetstream zu der Windblasabteilung in höheren Himmelslagen. Sie teilten sich die Arbeit in Dreierschichten. Der Wind pustete so in den höheren Höhen 24 Stunden am Stück. „Ja, doch …“, senkte er geknickt den Blick. Nun konnte er hier sein heimliches Hobby vergessen. Sie hatten ihn. Da hüpfte Darfo schnell zu Sonja und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Tuschel, Tuschel, Tuschel. „Okay, wir wissen jetzt, was du als Strafe machen musst!“ Und es dauerte nicht lange, da schossen vier Schmetterlinge mit der schnellsten Geschwindigkeit, mit der sie je geflogen waren, über die Wolken, angetrieben von ihrem eigenen Jetstream, dem sie dazu noch das Versprechen abgenommen hatten, dass sie ihn und seine Lungen immer und zu jeder Zeit zu Hilfe rufen durften – wann immer sie wollten …

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