Wetter: Verführerische Illusion


… „Autsch, Autsch, Autsch“, purzelten die Schmetterlinge durch das Nachlassen des Jetstreams auf den Wolkenboden, überschlugen sich mehrmals… und drückten kleine Bremsspuren in das Weiß hinein. „Aua“, rieb sich Martha das Köpfchen, hatte den Anti-Beutel aber weiterhin umklammert. Johnny richtete panisch seinen Cowboyhut, der musste schließlich sitzen, und Darfo und Sonja schüttelten sich lediglich einmal durch. „Das war eine Eins-A-Landung“, lachten die beiden Himmelsbewohner, die unweit von ihnen ihre Angeln in den Wolkensee warfen. Der Geruch von Salzwasser stieg den kleinen Rackern in die Näschen, das Rauschen der Wellen verschaffte dem Ganzen einen angenehm ruhige Atmosphäre. Kaum hatten sich die vier Freunde gefangen, schauten sie sich um. Wo waren sie denn hier gelandet? „Noch nie was von der Karibik des Himmels gehört?“, grinsten sie die Himmelsbewohner an. Das war ja gar kein See – das war ein Ozean! Hier direkt in den Wolken!! Mit blauem, warmen Wasser, mit Palmen an den Stränden, mit fast weißem Sand. Und das alles bestand nicht aus Wolken! Das war echt! Wie auf der Erde!! „Wow“, überkam es Martha, Darfo, Sonja und Johnny. Der Schmetterlingscowboy ging bereits zu einem von Darfos Rucksäcken, wuselte in ihm rum … und fischte eine passende Badeshort sowie eine cooooole Sonnenbrille heraus. Als wäre es das Normalste der Welt, watschelte Martha zu ihrem Freund hin, kramte ebenfalls in dem Rucksack rum … und zog ein Baströckchen samt Blumenkette heraus. „So! Wir machen dann ein Päuschen!“, rollte Johnny bereits ein Strandhandtuch aus. Wie von Zauberhand hatten er und Darfos Freundin einen Erdbeerinha und eine kühle Zuckerwatte in der Hand. Knirsch, Knirsch, Knirsch. Das konnte Darfo nicht länger auf sich sitzen lassen … und nach einem kurzen Wirbelwind, eben stand er noch da, lag er neben seinen Freunden und es schien, als würde er bereits einen Sonnenbrand bekommen. „Eis? Will hier jemand frisches Erdbeereis mit Schokoguss und einem Hauch von Honig mit Karamelstücken“, rief ein Händler, der sich der Gruppe näherte. Wupps, Wupps, Wupps – waren drei Fingerchen in der Höhe. „Wir hätten gerne pro Schmetterling zwei!“ Nur Sonja war hin- und hergerissen. Irgendwas in ihr forderte, ja schrie förmlich, sie solle sich auch dahinlegen, den Gelüsten einfach nachgeben, das Leben genießen, aber irgendwas an ihrem Bein befahl ihr, nicht auf die Verlockungen reinzufallen. Als Sonja sich dort unten kratzen wollte, sah sie … dass sie mit einem Fuß auf dem Anti-Beutel stand. Martha hatte ihn verloren und nicht bemerkt, dass er gar nicht mehr in ihrem Besitz war. Sie hatte ihn wohl losgelassen, nachdem ihre Sinne von diesem Ort verzaubert worden waren. Verzaubert? Moment! Sonja schaute sich um. Alles sah hier so echt aus! Der feine, cremefarbene Sand, das karibische Meer, die Himmelsbewohner … Schnupper, Schnupper, Schnupper. Ozon! Hier roch es verdammt stark nach Ozon! Das war eine Falle! Die Wetterfeen und die Hexe hatten das hier mit einem magischen Trick erschaffen, um ihre Verfolger abzuschütteln und um mehr Zeit zu gewinnen. Sonja spürte, wie der Zauber endgültig seine Finger von ihr ließ, wie die Macht des Regenbogenstückes an ihrem Bein zu ihr nach oben lief. Es war in ihr drin – und gab ihr die Macht, dem süßen falschen Leben zu widerstehen. „Los, los, los“, zerrte sie nun an Martha, Darfo und Johnny rum. Die schauten sie entsetzt an. Was war das denn für eine Verschwörungstheoretikerin, eine Schwarzseherin, eine Lebenmissmacherin??? „Hau ab!“, rissen sich Martha und Darfo aus ihrem Griff, standen auf und rannten Hand in Hand in das flache Wasser. Sie spielten und tobten, sie … Schnurr, Schnurr, Schnurr. Sonja drehte sich sofort um. Johnny hatte zwei hübsche Schmetterlingsmädchen in Bikinis mit tollen Figuren in den Armen und machte bereits einen romantischen Strandspaziergang. Sonja musste schlucken, was sollte sie jetzt machen? Sie griff nach unten, hob den Anti-Beutel auf und hängte ihn sich um den Hals. Er war direkt an ihrem Körper, sie hatte die Hände frei. „Aber was soll ich machen?“, dachte sie, sprach es aber gleichzeitig auch verzweifelt aus. „Koschalski? Wie zum Geier sind wir hier oben gelandet! Wir wollen nach Afrika – und nicht in den Himmel!“, scheißte eine Stimme eine andere an. Vier Erdmännchen hockten in einer selbst gebastelten Rakete aus einem Baumstamm, deren rote Spitze die Wolkendecke durchdrungen hatte. Anscheinend waren sie willensstark genug, um nicht dem Zauber zu verfallen. Während ein Erdmännchen der Anführer zu sein schien, waren die anderen drei Kameraden … oder Untergebene – so klar schien das nicht zu sein. Wie Eichhörnchen nach einem Energiedrink rasten zwei von ihnen umher, schauten sich dies, dann wieder das an. Der vierte von ihnen, schien der Wissenschaftlertyp zu sein. „Ich denke, wenn ich die Pleumotatische Verflugsstange hier ein wenig verbiege, den Koordinatenknoten ein wenig an dieser Stelle löse und wir ein exaktes Gewicht von insgesamt 77,77 Kilogramm zusammenbekommen, dann dürften wir es schaffen, Schippa!“ „Freako, hast du gehört? Verbiege die Dingelsbumsstange und sie zu, dass wir nach Afrika kommen!“, befahl der, den sie Schippa nannten. „Und duuuu?“, säuselte jetzt eine nahezu zarte Stimme neben Sonja, die spürte, dass etwas an einem ihrer Flügelchen zupfte. „Was macht denn ein Schmetterling so weit oben hier, auf diesen Wolken? Und was veranstalten die anderen Schmetterlinge da?“ „Reivate! Lass die Dame in Ruhe und pack mit an!“ Schippa stand auf einmal neben Sonja, hielt in der Hand eine Schwarzteetasse und rührte den Inhalt mit einer getrockneten Grille um. „Sie müssen verzeihen“, stand der Befehlshaber neben Sonja, ignorierte sie und musterte stattdessen lässig die Tätigkeiten seiner Kameraden. „Wir sind eigentlich nicht immer so, platzen überall in Angelegenheiten rein, die uns beim besten Willen nichts angehen – aber sie sehen hier nicht gerade so aus, als wären sie mit dem zufrieden, was hier gerade mit ihnen geschieht“, sagte der Erdhörnchen-Anführer. Schluuuuurf, gönnte er sich einen kräftigen Schluck. „Ich meine…“, fuhr er fort, „…ihre Gefährten tun ja gerade so, als wären sie am Strand – dabei gibt es hier gar kein Wasser, kein Meer oder so…“ Schippa grinste Reivate an, hielt sich ein Fingerchen an den Kopf und drehte es herum. Plämpläm, die Schmetterlinge. Reivate kicherte. Sonja blickte beide erstaunt an. Sie drehte sich ebenfalls um … und sah selber, dass sie einfach auf den Wolken standen. Das Regenbogenstück hatte ihren Verstand vollständig befreit, und sie erlag in keiner Weise mehr der Illusion. „Ihr seht es nicht?“ „Seht was?“, drehte sich Schippa jetzt doch zu ihr um. Erdmännchen blickte Schmetterling in die Augen. „Das Meer, das hier vorhin noch war – und das meine Freunde anscheinend noch sehen!“ Koschalski reichte Freako derweilen den Plan, gab ihm Anweisungen und blickte Sonja, dann Martha, Darfo und Johnny an. Er hatte Lunte gerochen, das war klar. Erst schnupperte er ein wenig in der Luft … und dann war es so, als würde eine kleine Glühbirne der Erkenntnis über ihm aufleuchten. „Freako, ein Gewehr!“, befahl er mit der technokratischen Autorität eines Wissenschaftlers. Das Erdhörnchen hatte zwar mittlerweile Schraubendreher und Bohrmaschine in der Hand, war zur Hälfte irgendwo unter der Wolkendecke an dem Unterteil der Rakete zugange, ließ auf den Befehl aber alles fallen und kramte im Inneren des Fluggerätes herum. Er reichte grunzend einen Pfeil, dann einen Torpedo, dann einen Apfel – und dann eine Wasserschlacht-Bazooka, modifiziert, versteht sich. Koschalski ging zu Sonja, schaute ihr in die Augen und griff nach ihrem Beutel. „Platsch“, hatte er einen Schlag auf den Fingern, der ihn vor Schreck einen Schritt nach hinten springen ließ. Sie war eine Kriegerin. Freako sprang auf sie zu, doch wie ein Ninja schnappte ihre Hand – noch während er in der Luft war – nach vorne, griff sie mit Daumen und Zeigefinger an eine geheime Stelle in seinem Nackenbereich … und das Kamp
ferdhörnchen fiel besinnungslos zu Boden. „Wow, Hut ab“, zollte Schippa ihr seinen Respekt. Freako zu erledigen, und das mit so einem Kriegerkunstgriff, das sahen Erdhörnchen nicht alle Tage. „Mylady“, versuchte Koschalski sie nun zu beruhigen. „Ich denke, ich weiß, was wir machen müssen. Nur, … nur, … nur brauchen wir etwas von dem, was ihr da um den Hals tragt!“ Sonja blickte ihn stumm an, ihre rechte Hand lag bereits unbewusst auf dem Beutel und hielt ihn fest. „Nur wenn ihr ein Stückchen des Ganzen opfert, werdet ihr eure Mission, und gehe ich recht davon aus, dass ihr auf einer Mission seid …“, zeigte er auf den Cowboy-Hut und den Sheriff-Stern, auf die Rucksäcke voll mit Zuckerwatte und die geheimen Geheimutensilien, die nur Elite-Detektiv-Truppen mit sich rumschleppten, „… beenden.“ Sonja wußte nicht genau, was sie sagen sollte, und ließ den Beutel um den Hals los. Das Wissenschaftler-Erdhörnchen ging einen Schritt nach vorne, funkelte mit den Augen kurz einmal fasziniert auf, als er in den Anti-Beutel schauen konnte, und tunkte drei Pfeile, die ihm Reivate zittrig reichte, hinein. Dann zog er sie raus … sie glänzten und funkelten in allen erdenklichen Farben. „Schnell, schnell, schnell!“ Freako, der längst wieder bei Bewusstsein war, legte sich die Bazooka auf die Schulter und Reivate führte mit geübten Griffen das erste Geschoss rein. Dann ging es so schnell, dass Sonja gar nicht mitkam. Flupp, Flupp, Flupp, schossen die Pfeile von Wasserdruck oder irgendeiner geheimen Energie angetrieben hinaus … und trafen die rumtollenden Schmetterlinge Martha, Darfo und Sonja. Die fielen flugs auf den Boden, waren wieder Herren und Damen ihrer Sinne, und als Sonja sich zu den Erdhörnchen umdrehte … saßen diese bereits wieder in ihrer Baumstammrakete und zählten rückwärts. „Fünf, vier, drei ..“ „Und immer die Ohren steif halten, Kleines!“ „Zwei, eins …“ Ziiiiiiiisch …

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