Gevatter Tod hat’s nicht leicht

Bild: von storyset auf freepik.com

 

In der Gegenwart hat Gevatter Tod alle Hände voll zu tun. Aber was ist, wenn es ihn auch einmal erwischt?

… Dr. Dr. Dr. von und zu Martha horchte ihren Patienten ab. „Bitte mal husten!“ Hust, Hust, Hust. „Hmmm“, drehte sie die Schwarzkutte vor sich um. „Noch einmal husten, bitte!“ Hust, Hust, Hust. Bruder Darfo reichte das Thermometer. „Mund auf!“ „Aaaaah!“ In dem schwarzen Nichts verschwand die kleine Stange, lediglich ein kleines Stück blieb draußen. Sie wusste, würde sie ihre Hand zu weit hinein schieben, dann konnte es auch für sie gefährlich werden. Obwohl sie ein unsterbliches Märchenwesen war! Jetzt hieß es aber warten. Hier im Schmetterlingshaus war heute Abend die Praxis für „Ungewöhnliche Patienten“ geöffnet. Vielleicht fünf, sechs Mal im Jahr kam das vor. Märchenwesen vom gesamten Planeten schauten dann vorbei und kamen mit den ungewöhnlichsten Fällen. Der Lustigste: Einhorn Pinki war vor einigen Monaten mal kurzfristig ein zweites Horn gewachsen. Aber nach einigem guten Zureden und ein wenig Geduld war es dann schnell wieder verschwunden. Ein Zwei-Wochen-Horn war das gewesen. Hihi. Selten, konnte aber schon mal vorkommen. Besonders bei Stress. Und der Patient jetzt vor ihr war auch nur noch rund um die Uhr am arbeiten – darüber hatte er schon beim Reinkommen gejammert. Der Blick von Martha fiel beim Warten kurz auf die Sense. Sie lehnte neben der Eingangstür. Die Schwarzrobe war matt und schlapp. Drei, zwei, eins – und schon nahm Dr. Dr. Dr. von und zu Martha das Thermometer wieder aus dem Mund. „Minus 77,7 Grad!“, schaute sie ihn verdutzt an. Er zuckte mit den Schultern. „Ist immer so! Hab ich von Geburt an.“ „Ja, dann“, winkte sie ihre Kollegin her. „Aus meiner Sicht sind Sie kerngesund, ich denke, ab jetzt übernimmt Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein!“ Das hatte sich Gevatter Tod bereits gedacht. Es war nichts Körperliches, was er hatte.

Sie vergiften alles – sogar sich selbst

„Bitte einmal Platz nehmen“, tätschelte Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein den Stuhl neben sich. Gevatter Tod schlurfte träge zu ihr hin. Dann ließ er sich wie ein nasser Sack fallen. Platsch. „Was beschäftigt sie denn so?“ Er blickte auf. Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein konnte im Gesichtsbereich keine Augen erkennen. „Aaaaaaach, wissen Sie“, jammerte er, holte einmal tief Luft – und dann ging es los. Als ob ein Ventil geöffnet wurde: „Syrien, Afrika, USA, Mexiko, und, und, und – nur Mord und Totschlag! Komme ich hinten an, kann ich vorne direkt wieder anfangen!“ „Aha“, notierte Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein alles brav mit ihren Wachsmalern auf Zetteln. Bruder Darfo musste immer wieder neue reichen. „Und dann sind da noch all die Krankheiten. Ist ja nicht so, dass das Meiste mittlerweile nicht hausgemacht ist, von den Menschen. Ich will mich ja nicht beschweren, das ist ja mein Job, sie alle abzuholen. Hohe Provision. Meist habe ich ja auch meinen Spaß dabei!“ Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein schaute ihn fragend an. „Sie haben Spaß daran?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ja, ja, das kommt dann so mit den Jahren. Also, Jahrzehnten. Also, besser mit den Jahrtausenden.“ Er zuckte amüsiert mit den Schultern, dann sackten sie jedoch sofort wieder zusammen. „Aber jetzt geben die wirklich Gummi!“ He??? „Wie das?“, wollte Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein wissen. Wirkliches Interesse vorgaukeln war die hohe Kunst von Psychiatern. Und da war sie echt gut drin. Das merkte sie, aber auch er. Gevatter Tod öffnete sich ihr ganz. „Nachtzulage, Sonderprämien – habe ich alles schon bekommen. Ich, ich …“, hauchte er nun. „Ich gerate allerdings an meine Grenzen!“ „Oha“, notierte sie fleißig. „Warum? „Der globale Lebensstil treibt sie so an, sie vergiften sich mit ihren Lebensmitteln, sie vergiften ihre Luft, sie vergiften ihre Erde. Der Klimawandel, die Kriege. Puuh. Ukraine. Und dann der Krebs. Der Krebs ist so schnell, ich komme da einfach nicht mehr hinterher!“ „Und das ist eine Belastung für Sie?“ „Puuuuh“, atmete er tief aus. „Wenigstens einmal eine Woche frei, oder so. Aber, aber …“ „Ja?“ „Keine Chance“, zeigte er zur Decke. Gen Himmel. Der Big Boss. Er seufzte. „Und jetzt habe ich die Zeitung gelesen.“ Ruhe. Stille. Na und? „Jaaaaaa?“, murmelte Sonja langsam, sie wedelte mit den Hände kleine Kreise, er solle weiterreden. „Und wenn ich daran denke …“ Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein schaute Gevatter Tod an. „Was da auf mich zukommt …“ Sie drehte ihre Hände. Mit einem Mal wurde seine schwarze Kutte feucht. Klitschenass. Angstschweiß! „Jaaaaaaa?“, hakte Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein der Sache nach. Sie standen kurz vor der Lösung. Bald wäre der Knoten geplatzt. „Sie haben jetzt entdeckt, dass der Plastikmüll bis in die Tiefsee reicht! Bis ganz unten! Marianengraben! 10.000 Meter in der Tiefe! Da kommt kein Mensch hin!!“ Jetzt wurde es spannend. „Und?“ „Wenn ich daran denke, wenn die kleinsten Lebewesen der Erde mehr verseucht sind als chinesische Krabben, die in den Reisfeldern am Liaohe leben – einem der schmutzigsten Flüsse Chinas – dann wird da eine Arbeit auf mich zukommen …“, der Tod schüttelte sich, ihm wurde auf dem Stuhl ganz schwindelig. „… an die ich gar nicht denken will!!!“ Bruder Darfo hielt ihm sofort ein Glas Wasser hin. Nicht, dass hier in der Schmetterlingsklinik einer umfiel. Märchenwesen waren da echt hart, das würde sich sofort rumsprechen. „Aha!“, hob Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein den Schlaumeierfinger. „Ich habe es!“ Jipiiii, blickten alle Anwesenden im Schmetterlingshaus auf. Gevatter Tod schaute sie hoffnungsvoll an.

Die Leiden des Gevatter Tod

„Und? Was habe ich?“ Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein zögerte keine Sekunde: „Burn out!“ „Huch“, verschluckte sich der Tod an seinem Wasser. „Echt?“ „Ja, blanke Überarbeitung!“ Psychiaterin von Tickenstein winkte nun Bruder Darfo herbei. Er hatte den Block schon in der Hand. „Ich schreibe sie nun wirklich einmal krank!“ Schockiert blickte die Schwarzkutte auf. „Aber, aber … ich war noch nie krankgeschrieben!“ „Jetzt schon“, kritzelte sie in Windeseile „eine Woche Honulululu“ auf den roten Schein, nahm den Stempel – und „Zack“ … war es amtlich!! „Bitte, das zuhause schön aufbewahren, und das …“, zeigte sie auf den Durchschlag, „… wandert zu ihrem Arbeitgeber!“ Sie zeigte mit dem Finger gen Himmel. Goldene Wolkenstadt. Big Boss. Gevatter Tod konnte es nicht glauben. „Jetzt echt?“ Er konnte nur noch zusehen, wie Schmetterlingsmacho Johnny sich den Durchschlag nahm und bereits nach oben hin wegflog. Der Tod schaute ungläubig auf den Boden des Schmetterlingshauses. Das hatte er noch nie gehabt. Wie war das, in den Urlaub zu fahren? Drei, zwei, eins – und schon durchliefen ihn Wellen des Glücks. Die Aussicht, die Freude auf eine Woche frei keimte in ihm wie ein gesunder Samen, der Sonne und Wasser in fruchtbarer Erde bekam, auf. Er sog tief die Luft von Honulululu ein. „Aaaaaaaaaah“, atmete er erleichtert aus. Die Last schien wie Zuckerwatte von seinen Schultern zu fallen. Und als wäre das nicht genug, legte Prof. Prof. Prof. Sonja von Tickenstein noch einen drauf: „Schön surfen gehen, in die Sonne fläzen, Drinks genießen. Und wenn eine Woche nicht reicht, einfach nochmal bei mir reinschauen – dann machen wir noch eine Woche länger.“ Das gab’s doch nicht!! „Huiii“, spürte Gevatter Tod bereits, wie die Kräfte ihn wieder erfüllten. Beschwingt, freudig hüpfte er wie ein Jüngling nach oben, griff sich seine Sense. Er sah sich Sandburgen bauen und schnorcheln. Und da war noch vieles, vieles mehr, was er machen wollte. Gerade war er schon an der Tür, da drehte sich Gevatter Tod aber noch einmal um. „Ihr habt einen oder zwei frei, … ihr wisst, was ich meine!“, zwinkerte er den Schmetterlingen zu. Kaum war er verschwunden, da war auch schon Praxisschluss. Feierabend. Endlich. Das war geschafft. Aber: „Wollen wir nur hoffen, dass die Menschen zur Besinnung kommen“, hängten die beiden Ärztinnen Martha und Sonja ihre Arztkittelchen in den Arztschrank. „Sonst haben wir den hier noch viel öfters sitzen …

guckst du

Welt

Leave a Comment